Alexandra

Name: Alexandra
Alter: 23 Jahre
Haarfarbe: Dunkel-Braun
Augenfarbe: blau
Sternzeichen: Waage

Geboren wurde ich in Bielefeld. Meine Kindheit würde ich als normal beschreiben. Dennoch ist mir von meiner Familie nur noch der Kontakt zu meiner Schwester geblieben. In der Pubertät war ich ein introvertierter Jugendlicher, der froh war, wenn man ihn in Ruhe ließ. Ich hasse direkte Konfrontationen und gehe ihnen lieber aus dem Weg. Wer hätte geahnt, dass schon von klein auf in mir eine düstere Gabe schlummerte. Meine große Liebe André brachte mich nach Hamburg, wo ich VWL studieren wollte.
Doch die White Taker hatten andere Pläne mit mir.

***** Leseprobe aus dem Roman *****

Prolog

Das Licht der vorbeifahrenden Autos brach sich in den Nebelwolken, die aus den Ablaufdeckeln stiegen. Die Luft roch nach feuchtem Laub und nasser Erde; der letzte Gewitterregen war erst vor wenigen Stunden über die Stadt gezogen. Für einen Januarabend wirkte es zwar ungemütlich, aber erstaunlich warm. Auch dieses Jahr gab es kaum Schnee, immer nur Regen.
Ich zog meinen Mantelkragen enger um meinen Hals, froh darüber, eine Jacke mitgenommen zu haben. Immerhin schien am Nachmittag noch die Sonne und jetzt hingen dunkle Wolken über der Stadt. Doch plötzliche Wetterumschwünge gehörten in Hamburg zur Tagesordnung. André neben mir fröstelte und steckte eine Hand in seine Hosentasche. Wie immer hatte er sich zwar auf kühles Wetter, aber nicht auf Niederschläge vorbereitet und trug nur einen dicken Pulli mit einer Weste, die nicht die Feuchtigkeit von seinem Körper fernhielt.
Meine rechte Hand schloss sich fester um seine linke und ich deutete ihm mit einem Blick, dass wir bald die S-Bahn-Station erreichen würden. Er kannte sich hier nicht so gut aus wie ich. Rothenburgsort war seiner Meinung nach kein angenehmer Wohnort für eine Frau. Vorurteile, die meine Schwester nicht nachvollziehen konnte. Immerhin wohnte sie in diesem Teil Hamburgs seit etwa zwei Jahren. In dieser Zeit hatte sie nie etwas Negatives erlebt, war weder belästigt oder noch schlimmer, ausgeraubt worden. Sie betonte wie viele Familien und Studenten hier doch leben würden und dass in vielen Häusern ein sehr freundliches und ruhiges Miteinander herrschte. Ausnahmen gab es ja in jedem Viertel. Sie warf André vor, er würde sich zu sehr von den Schauergeschichten seiner Kollegen beeinflussen lassen. Er sei ein Snob. Ich für meinen Teil konnte das schlecht beurteilen. Erst seit knapp einem halben Jahr lebte ich in Hamburg und mein Studium ließ mir kaum Zeit, die Stadt besser kennenzulernen. Ein Hoch auf das neue Bachelorsystem. Wenn man - wie ich - versuchte, das Studium größtenteils aus eigenen Mitteln zu finanzieren, blieb kaum Zeit, sich selber zu finden, und das war ja das eigentliche Ziel. Nach den ersten Wochen war ich so enttäuscht gewesen, dass ich beinahe alles hingeschmissen hätte. Doch ich hatte lange für einen Studienplatz gespart und extra noch eine Ausbildung als Industriekauffrau gemacht. Das sollte nicht umsonst gewesen sein. Ich war von Bielefeld hierher gezogen und André hatte sich eine größere Wohnung gesucht, damit wir zusammenleben konnten. Er finanzierte uns eine schöne Altbauwohnung in einer ruhigen Lage in Uhlenhorst. Ich hoffte, ihm später wenigstens einen Teil der hohen Miete zahlen zu können, auch wenn er es nicht wollte. Ich mochte einfach das Gefühl nicht, jemanden etwas schuldig zu sein, auch wenn das bei André natürlich etwas anderes war. Er liebte mich über alles und das Wichtigste für ihn war, dass ich glücklich war und meine Zeit als Studentin wenigstens etwas genießen konnte. Ich lächelte zufrieden und streichelte seine Hand, als ich über ihn nachdachte. Stets betrachtete ich ihn als den Ruhepol meines Lebens.
Er hatte kurze schwarze gestylte Haare, die seine hellblauen Augen gut zur Geltung brachten. Sein Gesicht war sehr markant und männlich geschnitten, breiter Mund, stark ausgeprägte Augenbrauen und eine kleine Narbe an der linken Schläfe. Er hatte mir aber nie richtig verraten, wie er sich diese Narbe zugezogen hatte. André war mit seinen 1,78 Metern gerade mal drei Zentimeter größer als ich, aber seine breiten Schultern und seine muskulösen Oberarme gaben mir das Gefühl, dass ich bei ihm immer sicher sein würde. Ich teilte mit André eine Vorliebe für Sport und Fitness sowie die Schwäche für gutes Essen. Dank ausreichender Bewegung hielt ich trotzdem stets meine Jeansgröße 38.
Der Wind wehte mir meine dunkelbraunen Locken ins Gesicht; ich freute mich schon auf unsere schöne warme Wohnung. Still und jeder seinen Gedanken nachhängend, gingen wir den Weg zur Eisenbahnbrücke weiter, die man überqueren musste, um die S-Bahn zu erreichen. Obwohl wir auf dem Fußweg neben einer Straße entlanggingen, war es ziemlich dunkel. Wasser tropfte von den eng nebeneinanderstehenden Bäumen auf uns herab und der Wind raschelte durch die Baumwipfel. Bis auf das Tropfen und Rascheln war es unheimlich still. Keine Menschenseele war weit und breit zu sehen. Doch dann tauchte auf der rechten Seite in einer Einmündung zu einem Waldweg entlang der Eisenbahnstrecke eine Gruppe von etwa fünf Männern auf, die in unsere Richtung sahen und leise miteinander zu sprechen begannen. Sie hatten alle lange schwarze Mäntel an und ihre Gesichter waren von Kapuzen bedeckt. Sie sahen fast wie Mitglieder einer Sekte aus; nicht nur die Kleidung war ähnlich, ihre Größe und Statur unterschied sich kaum voneinander. Noch beunruhigender war die Aura, die sie umgab. Alles an ihnen rief in mir erhöhte Gefahr hervor. André würde sicherlich über meine Gedanken lachen. Doch mich ließ das Gefühl nicht los, dass die Männer Ärger bedeuteten.
Plötzlich blitzte etwas in der Hand eines Mannes auf. Das Licht der schwachen Wegbeleuchtung spiegelte sich in einer Eisenstange wieder. Sie maß etwa dreißig Zentimeter und schien knapp zwei Fingerbreit zu sein. Die Männer hörten auf zu flüstern und starrten uns an.
Erschrocken sog ich die Luft durch meine Zähne und auch Andrés Hand- und Armmuskeln spannten sich, als sein Blick auf die Stange fiel. Er ließ meine Hand los und legte den Arm um mich. Er zog mich so fest an sich, dass er meine Angst eher noch schürte, anstatt sie zu mildern. Hatte ich erwähnt, mich mit ihm sicher zu fühlen? Das war eigentlich auch richtig. Aber in diesem Moment hatte ich weniger Angst um mich. Na ja, eigentlich schon, aber viel mehr befürchtete ich, dass André versuchen würde, den Helden zu spielen. Meine Kehle schnürte sich bei dem Gedanken zu.
Ich versuchte mich zu beruhigen. Zu schnell verfing ich mich stets gedanklich in Horrorszenarien, obwohl mir noch nie etwas Schlimmes passiert war. Ich reagierte mal wieder über. Meine Angst wurde noch verstärkt, weil die Männer sich alle zu uns umdrehten und uns beobachteten. Der Mann mit der Stange spielte nervös mit dem metallischen Gegenstand. Mein Herz raste und ich glaubte, dass selbst André es hören oder fühlen konnte, denn er lehnte sich langsam zu mir und flüsterte mir ins Ohr, keine Angst zu haben und einfach weiterzugehen, egal was passierte. Ich nickte kurz. Überlegte aber, was genau er damit meinte. Dass wir beide einfach weitergehen sollten, ohne auf die Männer zu reagieren, oder ob er meinte, dass ich alleine weitergehen sollte, falls die Situation brenzlig wurde? Das würde ich nicht tun. Ich war zwar schon fast an der Grenze zur Panik und wollte am liebsten einfach zurück zu meiner Schwester laufen, aber nicht ohne ihn. Bei einem Angriff würde ich nicht weglaufen. Oder doch? Wozu würde mich mein Selbsterhaltungstrieb verleiten? André hingegen dachte mit Sicherheit, er könnte mit allen fünf Männern fertig werden. Er betonte immer, wie gut er als Jugendlicher in Karate gewesen war und auch später in anderen Kampfsportarten, die er in seiner Unisportzeit trainiert hatte. Diese Selbstsicherheit bewunderte ich und gleichzeitig könnte sie sein Verhängnis werden.
Ehrlich gesagt wollte ich seine Fähigkeiten im Kampfsport nie in der Realität erleben. Warum haben wir eigentlich kein Taxi genommen? Warum musste ich immer meinen Willen durchsetzen? Wenn es nach André gegangen wäre, säßen wir nun in einem und ich bräuchte mir nicht solche Gedanken zu machen. Meine Kehle fühlte sich wie zugeschnürt an und vor Angst konnte ich kaum schlucken. Bitterer Speichel sammelte sich in meinem Mund. Mir drohte schwindelig zu werden. Oh Gott, reiß dich zusammen, sagte ich mir. Es würde nichts passieren, wir würden einfach weiter zur S-Bahn gehen. So versuchte ich es mir einzureden. Wie hoch war die Möglichkeit, in seinem Leben ausgeraubt oder verprügelt zu werden? Sehr gering. Oder?
Inzwischen waren die Männer nur wenige Meter von uns entfernt, als einer aus der Gruppe auf den Fußweg trat und uns den Weg versperrte. Das schwache Licht und auch die Kapuze verhinderten, dass man sein Gesicht erkannte.
Andrés Arm zog sich fester um meinen Körper und er drückte mich zur linken Seite des Fußweges, um an dem Mann vorbeigehen zu können. Ich sah André kurz an. Während meine Mimik Panik signalisierte, wirkte er fokussiert. Sein Gesicht war starr, seine Lippen vor Konzentration aufeinander gepresst. Sein Blick auf den Fußweg gerichtet, aber aus dem Augenwinkel versuchte er, die Situation abzuschätzen. Kein direkter Blickkontakt, um nicht zu provozieren. Dennoch beobachtend, besonders den Mann mit der Stange, der nun rechts von uns stand.
Als wir den Mann auf dem Fußweg umgehen wollten, stellte er sich uns abermals in den Weg und zwar so, dass wir stoppen mussten. Wir wollten uns umdrehen, als er seine Hand nach Andrés Arm ausstreckte und „Halt“ rief.
Mein Atem stockte und mein Herz drohte stehen zu bleiben.
„Wir wollen keinen Ärger!“, sagte André ruhig und schüttelte langsam die Hand des anderen Mannes ab.
„Wir auch nicht, wenn du uns einfach deine Freundin gibst. Wir tun ihr auch nichts, wir wollen nur ein bisschen Spaß haben. Kannst auch zugucken, wenn du willst.“
Der Kapuzenmann sprach gelassen und man sah durch einen seichten Lichteinfall, dass er grinste. Mein Verstand setzte aus. Ich versuchte den Unterton zu deuten. Scherzte der Mann? Er konnte das um Himmels willen nicht ernst meinen? Allein das Grinsen ließ mich erschaudern und ein beklemmendes Gefühl überwältigte mich, welches ich noch nie in meinem Leben zuvor gefühlt hatte. Ausgeraubt zu werden war ja schon ein extremes Erlebnis, aber eine Vergewaltigung? Dazu die Gewissheit, dass André mich bis zum letzten Atemzug beschützen würde, und meine Befürchtung, dass wir beide nicht heil aus dieser Sache herauskommen würden.
Mein Kopf schmerzte und ich fühlte eine erneute Schwindelattacke. Wenn André mich nicht so fest an sich gezogen hätte, wäre ich ins Wanken geraten. Mein Mund war trocken und mein Hals kratzig. Die Luft, die Atmosphäre, alles fühlte sich auf eine gewisse Art giftig an. Ich wollte einfach nur weg. Adrenalin durchflutete meinen Körper und bereitete mich auf die Flucht vor. Doch würde ich flüchten können? Würde André diese Männer aufhalten können? Würde ich dann überhaupt weglaufen und ihn hier alleine zurücklassen können? Eigentlich wollten sie ja nur etwas von mir, aber wer wusste, was sie mit André anstellen würden, wenn er sie an ihrem Vorhaben hinderte. So kämpfte ich endlose Sekunden mit meinen Emotionen, mit meiner Vernunft, meinem Körper, der auf Flucht ausgerichtet war, und mit meinem Herzen, das zerbrechen würde, wenn André etwas zustoßen würde.
„Lasst uns einfach weitergehen!“, sagte André ruhig, aber angespannt.
Wut zeigte sich auf seinem Gesicht. Seine Augen funkelten und sein Kiefer knirschte, als er seine Zähne aufeinander presste. Und da war noch etwas anderes; jetzt wollte er nicht nur kämpfen, um mich zu beschützen, sondern auch, um den Männern eine Lektion zu erteilen. Ich kannte ihn gut genug, um genau diese Emotionen von seinem Gesicht ablesen zu können. Fassungslos sah ich ihn an und schrie in Gedanken, dass er auf keine dummen Ideen kommen und sich die Anzahl der Männer noch mal durch den Kopf gehen lassen sollte. Sie waren zwar nicht größer oder muskulöser als er, aber sie waren zu fünft. Selbst zwei waren schon übermächtig. Aber fünf?
Der Wind wehte erneut durch meine schulterlangen Haare und blies sie mir ins Gesicht. Der uns gegenüberstehende Mann griff plötzlich in mein Gesicht und spielte mit einer Haarsträhne, wobei er ganz leicht meine Wange berührte. Ich zog die Luft durch die Zähne und André schlug blitzschnell nach der Hand des Mannes. Schützend stellte er sich vor mich und zischte den dunklen Mann an.
„Fass sie noch einmal an und du wirst nie wieder eine Frau anfassen können!“
Der Angesprochene senkte seine Hand.
„Du kannst nichts gegen uns ausrichten.“
Er grinste abermals bei diesen Worten, doch dann änderte sich sein Tonfall und sein Lächeln verschwand.
„Mach es für dich nicht noch schlimmer. Wir wollen nur sie. Du kannst gehen.“
„Tu, was er sagt, wenn dein Leben dir lieb ist“, meinte der Mann mit der Eisenstange.
Dann ging alles so schnell, dass ich zunächst gar nicht richtig mitbekam, was passierte. André schlug ohne Vorwarnung dem Mann vor ihm ins Gesicht. Ein ohrenbetäubendes Krachen war zu hören und der Mann krümmte sich vor Schmerzen und hielt sich die Nase. Aus den Augenwinkeln heraus nahm ich wahr, wie die Männer sich regten, doch André war schneller. Er erreichte mit einem großen Schritt den Mann mit der Eisenstange und drehte seinen Arm auf den Rücken, dabei trat er ihm in die Kniekehle und der Mann sackte mit einem kurzen Aufschrei auf den Boden; dabei ließ er die Stange fallen.
Doch nun positionierten sich die drei anderen Männer seitlich von André und umkreisten ihn. Er sah den ersten Schlag wahrscheinlich gar nicht kommen, der ihn mitten ins Gesicht traf. Blindlings versuchte er, mit einem Tritt den Mann an der Hüfte zu erwischen, dieser drehte sich jedoch gekonnt zur Seite. So etwas hatte ich noch nicht gesehen. Eines war sicher: André war anscheinend nicht der Einzige mit einer Kampfsportausbildung. Zu dieser Erkenntnis kam André wohl auch. Doch er hatte nicht viel Zeit zum Nachdenken. Einer der Männer umschlang Andrés Hals mit dem Arm und zog ihn an den Körper, sodass er keine Luft bekam. André wollte ihm in den Arm beißen, da schlug ihm einer der anderen abermals ins Gesicht und dann in die Bauchgegend. Keuchend krümmte sich André und wäre wahrscheinlich gefallen, wenn er sich nicht so fest im Schwitzkasten befunden hätte. Andrés Gesicht war rot vor Wut, Anstrengung und Schmerz. Seine Adern an den Schläfen traten hervor und sein Blick wirkte glasig.
Das alles schien in wenigen Sekunden zu passieren, in denen ich wie angewurzelt mit offenem Munde dastand und das Geschehen nur beobachtete.
Auf einmal erhob sich der Mann mit der Stange, nahm sie fest in die Hand und holte Richtung Andrés Knie aus.
Ein erstickter Schrei kam aus meiner Kehle und ich stürzte in panischer Raserei zwischen den Mann und André und stellte mich schützend vor meinen Freund.
Andrés Augen traten hervor und er brüllte, dass ich verschwinden sollte. Sofort! Doch meine Angst, dass er noch schlimmer verletzt werden würde, ließ mich meinen Selbsterhaltungstrieb ignorieren. Der Mann lachte, als er mir prüfend ins Gesicht blickte.
„Wie interessant. Du hast also Courage. Da wird unser Spielchen noch interessanter werden!“
Er schubste mich währenddessen zur Seite und holte abermals aus, um André mit der Stange zu schlagen. Plötzlich schien die Zeit stillzustehen. Meine Angst und Panik wurde in diesem Augenblick von etwas anderem überlagert. Ich war wütend, nein, ich war rasend vor Wut. Ich hasste diesen Mann. Ich hasste ihn wegen dem, was er und seine Leute mit mir vorhatten. Ich hasste ihn für das, was er meinem Freund angetan hatte. Ich hasste ihn mit einer solchen Kraft, wie ich es noch nie zuvor gespürt hatte.
Und dann geschah etwas noch viel Unheimlicheres. Gerade als der Mann die Stange in Andrés Gesicht schlagen wollte, griff ich blitzschnell nach seinem Arm und stoppte ihn mitten in seiner Bewegung. Mit der anderen Hand umfasste ich seinen Hals. Ich wusste nicht, was ich tat, meine Bewegungen reagierten wie aus einem Instinkt heraus. André schrie und versuchte, sich aus der Gewalt seines Angreifers zu befreien.
„Alexandra, hör auf! Lauf weg. Verdammt noch mal, was tust du?“
Seine Stimme überschlug sich. Während der Mann mit der Stange mich weiterhin belustigt an funkelte und meinte:
„Weitaus interessanter. Du wirst ein gutes Opfer abgeben. Und dein Freund darf sogar zugucken, wie wir alle unseren Spaß mit dir haben werden und sobald wir mit dir fertig sind, bekommt er seine Strafe.“
Mein Griff wurde fester und sein Grinsen verschwand plötzlich. Ich war wütend, aber zugleich auch verstört. Warum befreite sich der Mann nicht einfach, warum halfen ihm die anderen Männern nicht? Seine Augen wurden größer, Mundwinkel und Wangenmuskulatur vermittelten den Eindruck von Angst und Schmerz.
Ich spürte eine unbekannte Macht und Kraft meinen Körper durchfließen und ich sog sie tief ein, wie die Luft zum Atmen. Plötzlich wurde mir bewusst, woher dieses Gefühl stammte. Es begann in meiner Hand, die noch immer die Kehle des Mannes umklammerte. An seinem Hals traten bereits die Adern hervor, obwohl ich gar nicht fest zudrückte. Das Gefühl verstärkte sich, als ob aus seinem Körper Energie in meine Hand hinüberfloss. Es war unheimlich und unbeschreiblich. Doch die Verwunderung hielt mich nicht auf. Im Gegenteil, die angesammelte Wut schürte den Wunsch nach der allmählich stärker werdenden Macht und Energie, die jede Pore meines Körpers durchströmte. Doch dann begann der Mann nach Luft zu ringen, seine Kapuze rutschte nach hinten und ich konnte sein Gesicht erkennen. Er war nicht viel älter als Anfang vierzig. Sein Haar war schwarz, kurz geschnitten und wirkte sehr gepflegt. Jetzt sah ich in seine Augen und ich erschauderte bei dem Anblick. Ich erkannte, dass der Mann enorme Schmerzen durchlitt und das durch meine Hände. Blut aus seiner Nase lief ihm über das Gesicht und tropfte mir auf die Hand. Die Blutung wurde immer schlimmer.
Alles um uns herum war still. Selbst André wand sich nicht mehr in der Umklammerung seiner Angreifer. Alle starrten mich und den Mann an. Dann ließ ich ihn los und er fiel mit einem Stöhnen zu Boden. Meine Hand blieb noch ausgestreckt und ich sah mich verwirrt um. Das Gefühl von Macht und Energie versiegte. Ich fühlte mich stark, aber mein Körper schrie danach, mehr von diesem Mann zu fordern. Etwas in meiner Seele heulte auf, als ich ihn losgelassen hatte. Ich erschrak vor mir selber und begann zu zittern. André versuchte erneut, sich loszureißen und schlug dem Mann zu seiner Rechten in den Bauch. Die dunkel gekleidete Person wollte sich wehren. Doch ich stellte mich abermals dazwischen und meine Hand griff nun nach seinem Hals. Die Zeit schien wieder stehen zu bleiben. Ich fühlte erneut diese Energie in mich hineinfließen. Alles andere schien keine Bedeutung mehr zu haben. Meine Hand begann zu kribbeln. Diese Energie verlieh mir Stärke und Macht wie ich sie noch nie gespürt hatte. Die Adern im Gesicht des Mannes schwollen an und er hustete. Kleine Äderchen in seinen Augen platzten. Im Gegensatz zu seinem Kumpel wirkte er nicht überrascht; eher als ob er mein Handeln erwartete. Er schien die Prozedur ohne Gegenwehr über sich ergehen zu lassen. Sein Blick wurde glasig und er drohte das Bewusstsein zu verlieren.
Plötzlich durchbrach Andrés Stimme die Stille.
„Alex, was … was machst du da?“
Ich hörte auf, die Energie des Mannes zu nehmen, und drehte mich zu André. Als unsere Blicke sich trafen, erschrak ich. Er wirkte entsetzt. Sein ganzes Gesicht, sein ganzer Körper war angespannt und seine Augen starr vor Angst. Aber nicht wegen des Kampfes. Nein, er hatte Angst vor mir, vor dem, was ich machte, was ich getan hatte. Und diese Erkenntnis traf mich wie ein Schlag in die Magengrube. Ich ließ den Mann los und machte einen Schritt in Andrés Richtung. Die anderen Männer wichen vor mir zurück, aber ließen mich nicht aus den Augen. Andrés Blick war starr auf mich gerichtet.
„André, ich …“
Ich streckte meine Hand aus und wollte ihn berühren, doch er wich zurück. So stand ich inmitten der Gruppe von Männern, drei zum Teil auf dem Boden liegend, sich vor Schmerzen krümmend, die beiden anderen taxierten mich, während André direkt vor mir stand, aber in einer Haltung, die nach Abwehr aussah. Doch was hatte ich getan? Ich wusste, was ich gefühlt hatte, doch wie hatte es für einen Außenstehenden ausgesehen?
Andrés Zurückweisung traf mich bis ins Mark. Meine Lippen zitterten und ich wollte etwas sagen, aber mir versagte die Stimme.
„Schluss jetzt. Wird Zeit, dass wir gehen!“, sprach der Mann, dem André zu Anfang die Nase gebrochen hatte. Sein Gesicht und seine Hände waren blutverschmiert. Ich hörte ein Geräusch hinter mir und als ich mich umdrehte, sah ich einen Gegenstand auf meinen Kopf niedersausen. Ich spürte keinen Schmerz, dafür ging alles zu schnell. Die Welt um mich herum verblasste von einer Sekunde auf die nächste und machte einer schwarzen Leere Platz.